Couverture de Ränder. Theorien der Literatur II. Gespräche

Ränder. Theorien der Literatur II. Gespräche

Ränder. Theorien der Literatur II. Gespräche

De : Guido Graf
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"In deinen Sätzen bist du an ihrem Rand" (Oskar Pastior). Schreiben ohne Zentrum und fern vom Eigenen, sondern immer als das Andere. Identitätsbegriffe, die nur von den Rändern her gelesen werden können. Sätze am Rand der Sätze und die Konturen literarischer Praxis als soziale Poetik. Ungehörte Stimmen, von jetzt, von morgen, von vorgestern, Stimmen, ohne die uns Hören und Sehen vergeht, erzählen von den Rändern her. Für eine andere Literatur, für andere Literaturen und andere Theorien von Literatur, für ein anderes Lesen und Schreiben.Guido Graf Art
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    Épisodes
    • Klaus Theweleit, Gespräch. Episode 13
      Feb 6 2022

      „mein ‚Ich‘ ist überhaupt nichts Gewagtes! ich stelle es lediglich mit aller Sorgfalt dar! … mit tausend Vorsichtsmaßnahmen! … ich bedecke es stets vollständig und auf die behutsamste Art und Weise mit Scheiße!“

      Das schrieb Louis-Ferdinand Céline in seinem schmalen Buch „Gespräche mit Professor Y“. Ein Band, der noch am ehesten als so etwas wie eine Poetologie durchgehen könnte.

      2021 ist „Tod auf Raten“, die Neuübersetzung von „Mort a credit“ erschienen. Hinrich Schmidt-Henkel hat erstmals den zweiten Roman von Céline vollständig übersetzt. Die erste Übersetzung, unter dem Titel „Tod auf Kredit“ war deutlich schmaler. Zuerst ist der Roman 1936 herausgekommen, vier Jahre nach dem Debüt „Reise ans Ende der Nacht“, mit dem Céline damals schlagartig berühmt geworden ist. So hat niemand zuvor die französische Sprache auf Touren gebracht. Mit dem zweiten Buch lieferte Céline nun einen stark autofiktionalen Roman hinterher, der von Kindheit und Jugend seines Alter Ego Ferdinand erzählt. Nur ein Jahr später veröffentlichte Céline die erste seiner extrem antisemitischen Hetzschriften, die „Bagatelles pour un massacre“.

      Grund genug, der Frage - wie wird man Nazi - auf den Grund zu gehen.

      Diese Frage hat maßgeblich das Werk des deutschen Kulturtheoretikers Klaus Theweleit bewegt, der in diesen Tagen 80 Jahre alt wird. 1977/78 erschien seine bahnbrechende, monumentale Untersuchung „Männerphantasien“ über die Entstehung des faschistischen Mannes. Als Theweleit 2021 den Adorno-Preise erhielt, sagte er in seiner Preisrede, dass ihn schon früh, aus den Erfahrungen in seiner eigenen Familie heraus, die Frage bewegt hat: „wie kann man Deutscher sein?“

      Die Frage nach dem Nazi-Werden, nach der Dynamik von Kunst- und Machtpol, vor allem in der Literatur, hat Theweleit dann von 1988 an in seinem nächsten großen Werk untersucht, dem auf vier Bände angelegten „Buch der Könige“. Darin geht es im Gottfried Benn, Ezra Pound, Knut Hamsun, Franz Kafka, Sigmund Freud und viele andere mehr. „Eh man sich dazu äußert,“ schreibt Theweleit einmal, „was eine Figur wie Benn gesucht, gewollt und gemacht hat am Nazi-Pol, muss man beschreiben, zwischen welchen Polen sie sich sonst bewegte, beschreiben, wo und was diese waren um 1930, beschreiben, was der Kunst-Pol ist, was man da macht, was man dazu braucht, sich dort aufhalten zu können“. Der vierte Band sollte sich hauptsächlich mit Louis-Ferdinand Céline beschäftigen. Diesen Band wird es nicht mehr geben. Also habe ich für diese letzte Folge in „Ränder. Theorien der Literatur“ versucht, im Gespräch mit Klaus Theweleit wesentliche Punkte seiner langjährigen Auseinandersetzung mit Céline aufzusuchen. Wir haben über Kotze und Scheiße ebenso gesprochen, wie darüber, was Frauen wie Astrid Lindgren, Patricia Highsmith oder Else Lasker-Schüler anders gemacht haben als all diese Männer.


      Das war die letzte Episode der zweiten Staffel. Ob es weitergeht, ist momentan noch nicht zu sagen.

      Gerade ist die erste Staffel dieser Vorlesung als Buch erschienen: „Theorien der Literatur“ im Universitätsverlag Hildesheim, als erster Band von „Theorie & Praxis“, der neuen Schriftenreihe des Literaturinstituts Hildesheim. Überall im Buchhandel erhältlich, 222 Seiten für 10 Euro. Die kostenlose elektronische Fassung dieses Bandes findet sich hier.

      Ich bedanke mich bei allen meinen Gesprächspartner:innen, die diese Vorlesung, diesen Podcast überhaupt erst ermöglicht haben. Bei: Clemens Setz, Karosh Taha, Rasha Khayat, Ulf Stolterfoht, Katerina Poladjan, Abdalrahman ALqalaq, Shida Bazyar, Nava Ebrahimi, Georg Klein, Olga Grjasnowa, Mithu Sanyal, Dagmara Kraus, Khesrau Behroz und Klaus Theweleit.


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      1 h et 5 min
    • Khesrau Behroz. Gespräch. Episode 12
      Jan 26 2022
      „Ich schlage alle Warteschlangen aus, laufe in den Schneisen, die Du schlägst. Das ist der einzige Weg. - Ich schäme mich. In dieser Stadt hängt der Segen schief. Doch in meinen Erinnerungen ist Kabul so weiß. Du bist mir in das Kranke nhaus gefolgt. - Ich habe mich nur hingesetzt, wo niemand saß, hielt eine Hand, die niemanden hielt. - Weil ich mich verloren hatte in ärmlichen Gedanken.“

      Seit knapp einem Jahr postet Khesrau Behroz auf seinem Instagram-Kanal Prosa-Fragmente, die seinem langjährigen Romanprojekt entnommen sind.

      Khesrau Behroz, geboren in Kabul (Afghanistan), arbeitet als Journalist und Autor. Er entwickelt und produziert journalistische Formate als Co-Gründer und -Geschäftsführer der neuen Berliner Produktionsfirma Undone.

      Er ist Host und Produzent des Podcasts Noise und hat als Autor, Host und Producer Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen? gemacht. Behroz ist zudem Mitherausgeber und Chefredakteur des Gesellschaftsmagazins ROM. Er studierte Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Erfurt, der Freien Universität Berlin und der New York University.

      Wir haben über Wahrheit gesprochen und wie relativ sie zu persönlichen und auch sozialen und historischen Veränderungen aussehen kann. Wir haben über seine Aufsehen erregenden Podcasts gesprochen, über das Was und vor allem das Wie des akustischen Erzählens. Aber zunächst ging es um seinen schon fast legendären Roman.

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      43 min
    • Dagmara Kraus. Gespräch. Episode 11
      Jan 19 2022

      drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind

      kau die an der kruste hier muskeln an, nimm“

      So heißt es in Dagmara Kraus’ jüngstem Gedichtband liedvoll, deutschyzno, der 2021 bei kookbooks erschienen ist.

      liedvoll, deutschyzno moja

      1

      millionen flüchtige wörter stehen an
      der grenze zu diesem gedicht
      die beine in den bauch sich
      schlange an der grenze
      dunkle wörter, dunkle fremde
      suchen nach zuflucht, wollen hier wohnen
      verjaschmakt, betschadort, da warten
      mummen von jenseits der pole
      es sind welche von ungarn gekommen
      zupełnie niedeutschałe słowa
      drängen sich hier in die futura
      ręce błagają, bebeten die grenzen
      deine, deutschyzno moja

      2

      aber was soll ein gedicht mit den millionen
      flüchtigen wörtern nur anfangen

      es könnte mit ihnen kickern gehen
      schlägts kickern vor
      sie einladen zu bier, püree und kohlrouladen
      oder mal ne reise machen an ein schönes wort
      und ihnen die gegend zeigen, gegend

      es könnte millionen wörter einfach schweigen
      und müsste jetzt nicht gründeln, mörtel, münze
      wrack und wub erleiden, schlackern, lecker
      mords- und mergel - wiesz
      es könnte wieder flippern wie am rastplatz
      weil die zeit lang wird
      und mit der tinka auffe kirmes gehn
      sich in die zukunft sehen lassen
      vom pinken clafoutisschafott im pelz

      es könnte schützenfest und adlerschuss verpassen
      und an der lippe laufen, wo die mimik hüpft
      dann am frühen winkelwasser
      in schnöden reimen kurz verschnaufen

      auch könntes doch ins olle haus
      das haus am halben mond 1iehen
      und dem fallmann hin und wieder
      den fadengang von buche andiktieren
      (er soll ihn immer mit zwei fingern nachfahren)

      dabei könntes aus dem kickern 'skern
      und all den kiciuśkitsch entfernen
      und stattdessen andere wörter weiden
      vielleicht fremde wörter heimen
      raffig, diese flüchtigen, mehrbarwigen
      die völkerball in föderalen hallen spielen
      - aber millionen

      abermillionen


      doch bleibts bloß ein kern am kitsch
      beim kern am kitsch

      3

      abgeschoben ausgespuckt
      da ist etwas kleinstes blaurosa
      gepuckt, wie ein taubenschluck
      leise weints mitten im pulk

      wo sind denn die aus dem morgenland
      die drei worte mit den gaben
      nix myrrhe hier
      her mit dem schwarz-rot-gold

      wörter aus dem buch der könige
      hocken im containerdorf: umfwörter
      aus saba, noch milchschorf im haar
      labern babel

      Über diese Sprachen haben wir gesprochen, über das Anfangen, über Lektüren und wir haben gesprochen über den Zusammenhang von Übersetzen und Schreiben wir sind bei Emilie Cioran gelandet, über den Dagmara Kraus einst wissenschaftlich gearbeitet hat, bei den Plansprachen, um die es auch schon in der ersten Folge dieses Podcasts, im Gespräch mit Clemens Setz ging.

      Wir sind den Verfahren nachgegangen, mit denen Dagmara Kraus schreibt, dem Material, dem flüsternd lauten Schreiben.

      Dagmara Kraus hat Komparatistik und Kunstgeschichte in Leipzig, Berlin und Paris studiert sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2012 veröffentlichte sie bei kookbooks ihren Debütband kummerang. Im selben Jahr erschienen unter dem Titel Wir Seesterne ihre Übersetzungen von Gedichten Miron Białoszewskis. Zahlreiche Lyrikbände und Übersetzungen sind seitdem gefolgt. Seit 2021 ist sie Juniorprofessorin für literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim.

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      1 h et 5 min
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