Marco bekommt einen Schreianfall, weil er aufräumen soll. Anna ruft im Sitzkreis ständig dazwischen. Ahmed verliert ein Spiel und wirft vor Wut einen Stuhl um. Mala verweigert jeden Auftrag. John sucht noch einen Platz, während alle anderen längst arbeiten. Kommt dir das bekannt vor? Dann bist du mitten im Thema dieser Folge. Petra spricht mit Ursula und Andrea darüber, was hinter solchen Situationen stecken kann und warum wir Verhalten oft falsch deuten, wenn wir nur auf das schauen, was sichtbar ist, nicht aber auf das, was im Gehirn passiert. Was bedeutet Neurodiversität? Neurodiversität beschreibt die Vielfalt aller Gehirne. Jeder Mensch hat: • eine eigene Art zu denken • eine eigene Art zu lernen • eine eigene Art, Reize und Gefühle wahrzunehmen Das ist Vielfalt – Vielfalt ist normal. Eine Klasse ist also nicht gleich – sie ist vielfältig. Und was heisst neurodivergent? Damit sind Kinder gemeint, deren Wahrnehmung und Informationsverarbeitung vom Durchschnitt abweichen, zum Beispiel bei ADHS, Autismus, Hochsensibilität, Hochbegabung, Lese- oder Rechenschwierigkeiten. Wichtig: Anders, nicht falsch! Ausserdem zeigt die Forschung immer deutlicher: Wir bewegen uns in Spektren, nicht in starren Schubladen. Warum ist „Das Kind will nicht“ oft ein Irrtum? Weil Verhalten ein Ausdruck von inneren Prozessen ist. Ein Kind, das: • reinruft, ist meist nicht respektlos • nicht beginnt, ist selten faul Häufig stecken Stress, Überforderung oder fehlende Regulationsmöglichkeiten dahinter. Viel besser: Das Kind kann gerade nicht. Neurodivergente Kinder brauchen Passung. Wir sprechen unter anderem über: - Motivation & Dopamin: Warum „Du solltest jetzt“ oft nicht reicht - Time Blindness: Wenn es nur „jetzt“ oder „später“ gibt - Reizfilter: Wenn alles gleichzeitig wichtig ist - Impulsivität & die „Gehirnbremse“ - Hyperaktivität als Versuch der Selbstregulation - Stimming: Warum Wippen oder Summen helfen kann - Schwierigkeiten in Empathie unter Stress – und Überempfindsamkeit bei Hochsensibilität - Emotionale Ausbrüche und geringe Frusttoleranz - Rejection Sensitivity: Kritik fühlt sich wie Ablehnung an - Masking: funktionieren nach aussen, erschöpft sein innen - Hyperfokus als riesige Stärke Stressreaktionen oder Überlebens- bzw. Schutzreaktionen des autonomen Nervensystems: Freeze, Flight, Fawn oder Fight: Wenn das Nervensystem übernimmt Freeze – Erstarren Das Kind wirkt blockiert oder wie abgeschaltet. Es sagt nichts mehr, bewegt sich kaum oder kann nicht handeln. Das Nervensystem zieht die Notbremse. Flight – Flucht Das Kind geht aus der Situation. Es zieht sich zurück, läuft weg, vermeidet oder macht nicht mehr mit. Abstand soll Sicherheit bringen. Fight – Kampf Das Kind geht in den Widerstand. Wut, Trotz, Diskussionen oder Aggression können auftreten. Kontrolle soll die Gefahr verringern. Fawn – Anpassen / Gefallen wollen Das Kind versucht, durch Harmonie sicher zu bleiben. Es beruhigt, stimmt zu, hilft, wirkt lieb und kooperativ und stellt eigene Bedürfnisse zurück. Sicherheit durch Anpassung. Neurodiversität bedeutet auch Ressourcen. Viele dieser Kinder bringen mit: • enorme Kreativität • ungewöhnliche Lösungswege • intensives Denken • grosse Ausdauer bei Interesse • feines Wahrnehmen Wenn Beziehung, Umgebung und Aufgabe passen, entstehen beeindruckende Fähigkeiten. Und dann trifft das auf Schule… • Starre Zeitstrukturen • Viele Reize • Schnelle Wechsel • Hohe Anforderungen an Selbstorganisation, Impulskontrolle und soziale Interpretation Für manche Kinder ist das täglicher Hochleistungssport. Unser Ziel dieser Folge Verstehen statt bewerten. Einordnen statt bestrafen. Unterstützen statt beschämen.
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